Die Frankfurter Universitätsbibliothek besitzt eine der weltweit bedeutendsten historischen Judaica-Sammlungen, die die gesamte Literatur zur Wissenschaft des Judentums seit ihren Anfängen Ende des 18. Jahrhunderts bis 1933 umfasst. In diesem Zeitraum war die gängige Sprache der Wissenschaft des Judentums deutsch, sodass der überwiegende Teil der Werke in Deutsch verfasst ist. Die Judaica-Sammlung war Teil der Hebraica- und Judaica-Sammlung, die zu Ende des 19. Jahrhunderts durch großzügige Spenden Frankfurter Juden entstanden ist und vor 1933 als die bedeutendste Fachbibliothek des europäischen Kontinents galt. (Zur Begriffsklärung: Unter 'Hebraica' versteht man die in hebräischen Lettern gedruckten Werke, unter 'Judaica' die in nicht-hebräischen Lettern gedruckte Literatur, die thematisch das Judentum betrifft.) Während ein Großteil der Hebraica im Laufe des Zweiten Weltkrieges vernichtet wurde, hat die Judaica-Sammlung den Zeitraum des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt
übersanden und besitzt heute in der deutschen Bibliothekslandschaft durch ihre Vollständigkeit eine herausragende Bedeutung.
Die Qualität der Sammlung verdankt sich dem Engagement von Prof. Dr. Aron Freimann (1871–1948), der die Sammlung von 1898 bis 1933 betreute und in seinen vielfältigen Eigenschaften als Bibliothekar, als jahrelanger Herausgeber der judaistischen Fachzeitschrift
Zeitschrift für Hebräische Bibliographie, als Vorsitzender des Vereins Mekize Nirdamim (der die Veröffentlichung wissenschaftlich edierter hebräischer Handschriften betrieb) und anderer wissenschaftlicher Unternehmen in zentraler Rolle die Organisation der Wissenschaft des Judentums maßgebend beeinflusste. Der Bestand konnte noch im Jahre 1932 von Prof. Dr. Aron Freimann in einem Katalog der Judaica veröffentlicht werden, der 18.000 Eintragungen enthält.
1968 erschien ein fast unveränderter Nachdruck des Katalogs, der sich von der Erstausgabe nur durch das Weglassen der ursprünglichen Signaturen unterscheidet und sich bewußt nicht mehr als Bibliothekskatalog, sondern als bibliographisches Handbuch verstand. Nichtsdestoweniger gilt der »Judaica-Katalog« von Freimann, der auf Grund von zahlreichen Verlusten nicht mehr als akkurates Bestandsverzeichnis dienen kann, bis heute als »die größte abgeschlossene Bibliographie der jüdischen Wissenschaft aus der Weimarer Republik und zugleich als der beste und umfangreichste Judaica-Fachkatalog einer deutschen Bibliothek überhaupt« (Werner Schochow).
Im Dritten Reich blieb die Hebraica- und Judaica-Sammlung unangetastet, da sie vertragsgemäß dem nationalsozialistisch ausgerichteten »Institut für die Erforschung der Judenfrage« zugeordnet wurde, de facto aber als getrennter Bestand in der Bibliothek erhalten blieb. Durch Kriegseinwirkungen und Auslagerungen sind Teile der Sammlung – nämlich die Mehrzahl der Hebraica – dann vernichtet worden, während die Judaica erhalten blieben. Bei der Einrichtung und Verteilung der Sondersammelgebiete durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) war diese Sammlung 1949 für die Zuteilung des Sondersammelgebiets Wissenschaft des Judentums an die Frankfurter Universitätsbibliothek ausschlaggebend.
Die in den letzten Jahren zunehmende Nutzung der Werke aus dem In- und Ausland und die sich daraus ergebenden Schäden haben dazu geführt, dass der historische Judaica-Bestand nicht mehr ausgeliehen wird und nur noch im Lesesaal der Bibliothek oder als Kopie/Digitalisat eingesehen werden kann. Dies hat mühsame Bibliotheksreisen, erhöhte Kosten für die Nutzer sowie generell höhere Arbeitsaufwände am Sondersammelgebiet Wissenschaft des Judentums zur Folge. Gleichzeitig macht sich der für die wissenschaftliche Forschung hinderliche Nachteil einzelner fehlender Werke, die ehemals Teil der Sammlung waren und im Freimann-Katalog vermerkt sind, deutlich bemerkbar. Die Komplettierung, Digitalisierung und die zentrale Bereitstellung der jüdischen Quellen im Internet sind deshalb dringende Desiderate der weltweit aktiven Forschung auf dem Gebiet der Jüdischen Studien.
Das Projekt verfolgt mehrere Ziele: Zum einen sollen die in der Frankfurter Bibliothek vorhandenen Quellen nachhaltig und langfristig gesichert und durch die Bestände anderer Bibliotheken ergänzt werden. Es entsteht durch das Digitalisierungsprojekt eine umfangreiche Digitale Bibliothek der Literatur der Wissenschaft des Judentums. Hierbei werden die Quellen gleichzeitig fachgerecht bibliothekarisch erschlossen und online-katalogisiert, um den Bedürfnissen der wissenschaftlichen Nutzer zu entsprechen.
Zum anderen wird die Literatur in einem Internet-Portal online präsentiert, wodurch die Nutzer am individuellen Arbeitsplatz auf unverzichtbare Quellen und Materialien der Jüdischen Studien zurückgreifen können. Die von der Aachener Firma Semantics entwickelten Software-Lösungen für die DFG-Projekte »
Compact Memory« und »
Jiddische Drucke« werden für das neue Projekt angepasst bzw. neu konzipiert.
Die Virtuelle Bibliothek der Wissenschaft des Judentums ist die logische Ergänzung zur Digitalisierung der deutsch-jüdischen Periodika und ihre Bereitstellung im Internet. Somit stellt dieses Projekt ein weiteres unverzichtbares Modul der geplanten Digitalen Fachbibliothek »Jüdische Studien« dar, deren Aufbau dadurch wesentlich vorangebracht wird.